Culture Hacking Basics – Experimentalkultur

experiment_714_kopfstandEs war eine gute Wahl der Culture Hacking Gruppe Nürnberg mit dem Thema Experimentalkultur im Juli 2014 zu starten wie sich herausstellte. Thor von Horn inspirierte mit einem Kurzvortrag über das grundsätzliche Wesen des Experiments und die enge Verbindung zur Kunst. Er leitete eine Reihe von Experimenten an, die die Theorie sofort veranschaulichten und allen viel Freude bereiteten.

Cultural Hacking hat das Experimentieren als grundsätzliche Vorgehensweise der Kunst abgeschaut, so war es konsequent einen Künstler beginnen zu lassen. „Culturehacks“ sind als kleine Kunstexperimente zu verstehen. Hier eine kurze Zusammenfassung über das Wesen von Cultural Hacking und eine Beschreibung, einiger Experimente, die wir ausprobierten.

Erfolgsdruck kontra Innovation – Unser Dilemma

Unser Alltag ist gekennzeichnet von Zielen, Vorgaben, Verantwortungen, Prozessen, Meetings und oft einer Reihe von unausgesprochenen Erwartungshaltungen, die wir erfüllen wollen, müssen oder sollten. Diese begrenzenden, bekannten Bahnen des Denkens, die wir häufig benutzen sowie der Erfolgs- sowie Zeitdruck, unter dem wir arbeiten, machen es schwierig auf neue Ideen zu kommen, die außerhalb unseres Erlebens stehen und das System an sich vorwärts bringen könnten. Gerade das ist aber von den Unternehmen heute gefordert, um erfolgreich zu bleiben. So stehen wir in einem grundsätzlichen Dilemma. Wir tun das Beste, um in dem uns gesteckten Rahmen erfolgreich zu sein, bräuchten aber Freiräume, mit wenig Regeln, um neues zu denken, auszuprobieren, zu scheitern und zu lernen. Dazu benötigen wir Offenheit, Mut und die Sicherheit, dass wir nicht vom System bestraft werden und unseren Job dafür riskieren, um das System und seinen Bestand auch in Zukunft zu garantieren. Wie kann das gehen?

Die Experimentierkultur App für das Unternehmen

Culture Hacking verwendet kleine Experimente. Diese fördern einen offenen Geist, motivieren und sind kollaborativ. Der Vorteil zum Projekt: Experimente können nicht scheitern. Damit ergänzen sie unsere Fehlerkultur in den Unternehmen wie eine App. Experimente sind kleine konkrete Aktionen mit einem Ziel, dass sich meist aus einer These ergibt. Bei einem Experiment beobachten wir was passiert. Ein Experiment hat einen offenen Ausgang. Aus den Ergebnissen können wir lernen und das nächste Experiment starten. „Inspect and adapt“, beobachten und adaptieren, das nutzt auch die agile Kultur, um sich in komplexen Umgebungen und Softwareprojekten vorwärts zu bewegen, in denen der Weg und zum Teil auch das Ergebnis nicht von vorneherein absehbar sind. Innovation ist mit dem Menschen und der Interaktion zwischen Menschen verbunden. Genau diese Interaktion ist aber komplex. Die alten Vorgehensweisen für maschinelle Produktionsverfahren helfen uns hier nicht mehr. Wir brauchen das Experiment, das Freiräume mit eigenen Spielregeln hat. Das macht freier und offener. Gerade das benötigt man, um etwas Innovatives, Kreatives, Neues zu schaffen.

Culture Hacking und die Culture Hacking Ethik

Cultural Hacking ist eine Möglichkeit die Menschen aus ihren Konventionen, Ihren Komfortzonen, ihren gewohnten Denkmustern zu locken, mit der Absicht, andere Perspektiven zu zeigen. Es schafft einen neuen Denkraum, in dem die Menschen bemerken und entscheiden können, wie sie Ihr Umfeld gestalten können und welche Optionen Sie haben. Wir entscheiden uns bewusster und werden offener für neue Lösungen. Das Experiment bietet für jeden der Akteure auch die Chance sich selbst zu hacken, die eigenen Denkgrenzen zu erweitern oder zu überschreiten. Entscheidend ist die Haltung, mit der man gemeinsam herangeht. Sind die beteiligten Menschen Laborratten im Experiment? Nein.
Culturehacking_ethikCultural Hacker haben eine Ethik. Es geht genau darum, achtsamer, bewusster miteinander umzugehen und Bedürfnisse und Grenzen klarer wahrzunehmen. Hier das Bild unserer Culture Hacking Ethik, die wir bei unserem letzten Treffen am 1. Oktober 2014 erstellten:

 

Eine Auswahl unserer Experimente vom 4. Juli 2014

Thor van Horn offenbarte mit seinem ersten Versuch die Nähe zwischen „Experiment“ und „Culture Hacking“. Um den Gewinn auch bei vermeintlich absurden Experimenten zu zeigen, stellte er folgende These auf: Nach einem Kopfstand ist die Multiplikation zweier dreistelliger Zahlen leicht möglich. Viele experimentierten mit. Als tatsächlich eine Teilnehmerin die richtigen Zahlen, wenn auch nicht in der korrekten Reihenfolge, nannte, war selbst Thor überrascht. So oder so spielte die Überwindung und der emotionale Gegenwert eine große Rolle.“

 

Das zweite Experiment von Thor kam aus den USA. Es ging darum ein Münzstück von zwei Euro zu versteigern. Geboten werden konnte ab 10 Cent. Der letzte der ein Gebot abgibt bekommt es zu dem genannten Preis, jedoch der vorletzte zahlt auch. Nach einem schleppenden Anfang, kamen wir in Schwung. Das 2-Euro Stück ging für 2,38 Euro an den Meistbietenden.

In zweiten Teil bildeten wir zwei Gruppen, die sich Cityhacks ausdenken sollten. Das sind kleine Experimente auf der Straße. Die eine Gruppe entschied sie sich für eine mutige „Bettlerinszenierung“. Statt Nehmen wollten sie jedoch Luftballons verteilen. Experiment_bettelnZu der Zeit gab es wenig Publikumsverkehr in der Fußgängerzone in Nürnberg. Die Menschen, die vorbeikamen, sahen fast alle hin, waren irritiert und wendeten sich aber wie bei Bettlern ab. Nur eine Fahrradfahrerin hielt und war begeistert und gab den Culturehackern eine Menge Tipps wie die Installation besser geklappt hätte. Andreas Fehr beschreibt seine Eindrücke: „Zu erleben wie verachtend Menschen an einem vorbeilaufen, weil man am Boden sitzt, war eine beeindruckende Erfahrung. Auch wenn man etwas zu geben hat, stößt das ja nicht immer auf Zuspruch. Dies erfahren wir auch in unserem Berufsalltag. Ich nehme aus dem Experiment zwei Dinge mit: zum einen jedem Menschen Respekt entgegen zu bringen und zum anderen mutig sein und für seine Idee offen und mit Begeisterung werben!“

 

Zufälligerweise traf eine unbekannte Gruppe mit einem anderen Tauschexperiment ein. Lehrer aus Aalen hatten einen Ausflug nach Nürnberg gemacht und sich zum Spaß ein Experiment ausgedacht. Sie wollten Dinge mit den Menschen auf der Straße tauschen. So wurden Eiswürfelherzen mit Post its getauscht, Stifte gegen Luftballons.

 

 

In der Zwischenzeit war die andere Gruppe aktiv dabei, die Menschen in der Fußgängerzone nach Ihrem Namen zu fragen und Ihnen Smileys auszuhändigen, die sie dann auf den Pullovern und Jacken befestigen konnten. Zu Beginn waren viele Menschen irritiert und wollten Ihren Namen niemandem Unbekannten preisgeben. Wir griffen Thor von Horns Idee auf und händigten statt den Smileys ein Nein auf den Post it’s aus, was dann doch oft zu einem Lachen führte. Nach und nach begannen experiment_714_kundenwir das Spiel auch selbst gut zu finden und konnten immer mehr Menschen begeistern. Es baute sich eine Zone von lachenden, fröhlichen Menschen um uns herum auf. Zum Schluss hielten die meisten Menschen und wollten einen Smiley, denn sie hatten inzwischen andere Menschen gesehen, die schon einen hatten. Sie waren begeistert, dass Ihnen ein toller Tag gewünscht wurde und einfach etwas gute Laune mitgegeben wurde.

Es gab ein großes Hallo, als alle drei experimentierenden Gruppen aufeinandertrafen. Es wurde beschlossen, Culture Hacking den Lehrern kurz vorzustellen und ein Abschlussfoto von allen zu machen. Das waren die Erfahrungen von etwas mehr als zwei Stunden experimentieren.culturehacking1_expkultur_alle__jul14

Falls Sie jetzt Lust bekommen haben, sich selbst im Experimentieren zu üben, kommen Sie doch vorbei bei den Culture Hackers oder halten Sie sich auf dem Laufenden im Meetup unter

http://www.meetup.com/Culture-Hacking-Nurnberg/. Die Gruppe wurde von mir (Christine Neidhardt) und Martin Heider auf dem openup Camp im Februar 2014 initiiert. Ich leite die Gruppe jetzt gemeinsam mit Matti Poppesku und Frank Koepke. Die Gruppe hat sich am 4. Juni gegründet. Bisher fanden 3 Treffen statt. Wir treffen uns am ersten Mittwoch im Monat alle zwei Monate. Das nächste Treffen ist am 3. Dezember 2014 zum Thema Fehlerkultur und Scheitern.

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